Freitag, 30. März 2012

Warum muss man ein Vesparad wuchten?

Eigentlich diskutieren alle Vespa Fahrer ein Thema immer und immer wieder. Muss ein Vesparad gewuchtet werden? Oder braucht es, wie Manche meinen diesen sinnlosen Luxus nicht. Auch wird das Thema häufig in Zusammenhang mit dem so genannten Lenkerflattern gebracht.

Unter Lenkerflatter versteht man die Angewohnheit der Diva bei bestimmten Geschwindigkeiten, meisten bei unter 50 km/h, mit dem Lenker Schüttelbewegungen auszuführen. Dies tritt nur auf wenn man den Lenker komplett los lässt, also freihändig fährt, aber auch wenn der Lenker nur mit einer Hand festgehalten wird bzw. die zweite Hand nur locker auf dem Griff aufliegt. Der Vespa Pilot merkt dabei richtig wie der Lenker hin- und herschlackert. Die Lenkerbewegungen gehen dabei von leichten Hin- und Herbewegungen bis hin zu großen und kräftigen Ausschlägen. Die betroffenen Fahrer haben den Eindruck, dass sich die Bewegungen wie ein Resonanz Phänomen aufschaukeln und immer kräftiger werden, solange bis sie den Lenker wieder fest mit beiden Hände festhalten.

Für unsere beiden Vespen haben wir sowohl einen Satz Räder mit Winterreifen und einen mit Sommerreifen. Da ein Radsatz nur sechs bis neun tausend Kilometer hält, hat man bei einer Sommerfahrleistung von ca. 10.000 km mehrfach im Jahr das Problem wie wuchtet man die neu aufgezogenen Räder.

Wuchten bei den Profis

Unsere Versuche bei verschiedensten Reifenprofis, endet fast immer mit unzureichenden Ergebnissen. Die Ursache liegt dabei ziemlich auf der Hand. Obwohl teure und professionelle Wuchtmaschinen zum Einsatz kommen, fehlt ein geeigneter Adapter um das Vesparad reproduzierbar und vor Allem zentriert zu fixieren. Meist versucht man die Fixierung des Rades auf der Achse zu erreichen in dem man einen Hartgummi Konus auf der einen Seite der Achse der Wuchtmaschine aufsteckt und das Rad damit gegen einen zweiten Hartgummi- oder auch Metall Anschlag auf der Achse drückt und einklemmt. Der schräge Konus soll dazu führen, dass sich das Rad durch die zentrale Öffnung in der Felge mittig, Achsen-symetrisch auf der Achse befindet. Der Anschlag, meist im Durchmesser nur ein wenig größer als der Achsendurchmesser soll für eine senkrechte Lage im 90° Winkel zur Achse sorgen. Bei mehreren Reifen-Fachbetrieben habe ich mir diese Prozedur näher angeschaut und die Ergebnisse schienen immer eher rein zufällig zu sein. In Anbetracht der geringen Angriffsflächen auf der einen Seite an der Felge selbst und auf der anderen an dem verwendeten kleinen Anschlag, kein besonders erstaunlicher Effekt ist. Letztes Jahr hatte ich erst nach dem dritten, professionellen Versuch ein akzeptables Ergebnis und beim Fahren nicht mehr das Gefühl Rodeo zu reiten.

Deshalb hatte ich mir schon vor einiger Zeit überlegt einen Wuchtbock zu kaufen. Ein Wuchtbock ist eine Art Gestell. Oben in diesem Gestell befinden sich auf jeder Seite zwei kugelgelagerte Laufräder. Darauf wird eine Achse gelegt auf der das zu wuchtende Rad befestigt bzw. gehalten wird, Allerdings steht man mit dem eigenen Wuchtbock vor dem dem gleichen Problem wie die Profis:  

Wie fixiert man das Rad auf der Achse? 

Schnell wurde mir klar, dass man mit der "eigenen" Wuchtanlage auch ein ziemliches Fass aufmacht. Denn man benötigt nebst dem eigentlichen Wuchtbock, eine Achse mit Adpater für das Vesparad und final wie sich am Ende herausstellte nicht ganz trivial auch passende Wuchtgewichte. Alles zusammen schlägt dann mit erheblichen Zeitaufwand und gut dreihundert Euro zu buche. Übrigens natürlich war bei dem Wuchtbock serienmäßig auch eine Achse mit Konus und Gegenanschlag dabei. Aber für ein Vesparad so offensichtlich ungeeignet, dass sich auch nur ein Versuch damit verbeten hatte.

Vespa Vorderrad Nabe fixiert auf Stahlachse
Die finale Lösung um endlich das Vesparad in den Wuchtbock zu bekommen war, als Ersatzteil eine Vespa Vorderrad Nabe zu besorgen. Selbstredend und nach Murphy war nicht ansatzweise daran zu denken irgendwie die Nabe mit der mitgelieferten Achse zu verheiraten. Der Metallbauer und die Schlosserei Werkstätte Metallbau Körtge im Münchner Osten machte mir dann die ersehnte Profilösung: Eine passende Achse mit ca. 28 mm Durchmesser. Einen besonderen Dank an dieser Stelle an Herrn Thoma.

Vesparad mit Wuchtadapter montiert im Wuchtbock
Übrigens jeder der an Metallverarbeitung Interesse und Bedarf hat, dessen Herz wird sofort bei einer Besichtigung der Werkstatt schneller schlagen. Die Werkstätte hat von einer Esse zum Schmieden, Drehbank, Ständerbohrmaschinen, Biege- und Abkantmaschinen und vielen Vorrichtungen von denen ich nicht die Spur einer Idee habe wofür, Werkbänken, Werkzeuge in allen Größen, für Heimwerker in unvorstellbaren Größen. Einfach Alles was ich mir zumindest für einen Profi Betrieb vorstellen kann. Gut zu wissen und zu sehen, dass noch nicht Alles in China gemacht wird und professionelle Betriebe durchaus auch mitten hier in der Großstadt zu finden sind.

Gut zu sehen die kugelgelagerten Laufräder. Unten die zur korrekten Lagebestimmung wichtige Wasserwaage


Die Kugellager des Wuchtbcks machen einen sehr soliden und funktionellen Eindruck. Einen ersten Wuchtbock von der Tante hatte ich sofort wieder zurück geschickt. Das Teil war einfach nur für's Altmetall konstruiert. Da haben sich die Lager nicht mal gedreht und nötige Ausstattungsmerkmale wie eine Wasserwaage oder gut einstellbare Füße um die Lage bzw. Fixierung des gesamten Gestells "im Wasser" sicherzustellen gab es überhaupt nicht. Wie auch bei einem 50 € Teil? Erst im zweiten Anlauf bei dem großen Kfz-Teile Lieferanten ím bayerischen Raum Stahlgruber gab es für etwas mehr als dem doppelten Preis ein wirklich "preiswertes" Gerät.

Eine Wasserwaage ist ein unverzichtbares Hilfsmittel für einen Profi-Wuchtbock
Mit dieser gut 6 cm großen Wasserwaagen-Libelle ist es einfach den gesamten Wuchtbock im Wasser einzurichten, also so mit den schraubbaren Stellfüßen einzustellen, dass er sowohl perfekt waagrecht als auch in der Senkrechten ausgerichtet ist. Die Stellfüße haben auch jeweils eine Kontermutter, so dass die ein Mal gefunden Position perfekt eingehalten wird.

Wuchten im Garten

Nach dem ich dann alle wichtigen Teile zusammen hatte konnte ich einen ersten Wuchtversuch, bei schönsten Wetter auf unserer Terrasse machen. Ausgestattet mit einem Weißbier, reichlich Zeit konnten die ersten Experimente über die Bühne gehen.

Wuchtanlage im Garten
Schon gleich nach dem Auflegen der Achse auf den Wuchtbock wurde klar, mein erstes Testrad würde in der Vespa sicher unrundlaufen. Denn das Rad drehte sich von alleine. Beim Beobachten der Drehbewegungen konnte man schnell sehen, dass durch pendelnde, Hin- und Herbewegungen das Rad einen bestimmten Ruhepunkt anstrebt. Hier ein Video dazu, in dem man dies gut verfolgen kann


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Theorie

Dann fragte ich mich und nun? Was ist eigentlich physikalisch gesehen das Ziel des Wuchtens. Um neben der Praxis auch ein wenig Theorie in die Sache einzuführen bemühte ich den entsprechenden Beitrag in Wikipedia zu "Wuchten" hier wird auch gut das Ziel meienr Bemühungen beschrieben:
 "Ziel ist es nicht nur, den Schwerpunkt des auszuwuchtenden Rades so einzustellen, dass er mit dem Mittelpunkt der Drehachse zusammenfällt, sondern auch, dass sich die senkrecht zum Rotationskörper Rad stehende Hauptträgheitsachse nicht nur mit der Rotationsachse schneidet, sondern auf ihr liegt."

Praxis

Nach dem das Rad seinen Ruhepunkt erreicht hatte, musste zwangsläufig, der schwerste Punkt sich unten befinden. Deshalb klebte ich erst Mal 20g auf die gegenüberliegende Seite der Felge. Aber dies hatte noch nicht den gewünschten Effekt.
35g Wuchtgewichte mit provisorischer Verklebung

Erst als ich das Gewicht auf 45 g erhöhte, merkte man deutlich, dass dann das Rad nicht immer wieder den selben Ruhepunkt suchte, sondern nach jedem Anschupsen an beliebigen Position zum Stillstand kam. Auch konnte ich das Rad von Hand weiter drehen und es blieb immer an der Stelle stehen, zu der ich es hin drehte. Man kann dies gut in dem folgenden Video sehen.

video


Bei diesen Versuchen stellte sich auch heraus, dass die Gewichte die ich besorgt hatte nicht unbedingt optimal waren. Denn wenn höhere Gewichte wie z. B. 45 g benötigt wurden, verteilte sich das Gewicht über eine erhebliche Länge an der Felge. Ich fand heraus, dass je näher das "Gesamtgewicht" an dem fraglichen Punkt lag um so größer war die kompensierende Wirkung. Im Laufe der Woche fand ich dann noch bessere Gewichte von Frankenindustrie TYP K7.
Diese Gewichte gibt es in 5, 10, 15, 20, 25 und 30g Ausführungen, übrigens auch verchromt. Meine Versuche über das Internet eine Bezugsquelle aufzutreiben waren erfolglos. Aber in einem Telefonat mit dem Hersteller wurden mir sofort zwei Händler im Münchner Raum genannt. Da die Firma Neimcke direkt bei mir in der Nähe war, versuchte ich dort am Spätnachmittag gegen 16.30 Uhr mein Glück. Zwar waren die Gewichte in der Filiale in München/Kirchheim nicht lagernd, aber der freundliche Sachbearbeiter sagte mir zu, dass er diese bis zum nächsten Morgen vom Lager Traunstein nach München umlagern lassen würde. Und so hatte es auch funktioniert. Am nächsten Morgen schon konnte ich die Teile in Kirchheim abholen. Super Service! Übrigens die Klebegewicht sind auf der Unterseite also der Klebeseite leicht rund, mit angeformten Radius, wie es der Hersteller beschreibt und passen perfekt auch in die Rundung der Vespafelge.

Hier sieht man was quasi im Gegenversuch passiert, wenn man von einem gewuchteten Rad, in Ruhelage das Gewicht entfernt.
video
Jetzt fehlt nur noch die praktische Umsetzung an der Vespa. Ich werde bei nächster Gelegenheit berichten, wie die finalen Bemühungen ausgegangen sind. Ein Vespaforums Kollge der aktuell über schlimmes Lenkerflattern klagt, steht auch als Versuchskanichen für vorher / nachher zur Verfügung.

Wichtige Adressen zum Thema Wuchten

Stahlgruber GmbH
Internet:  http://www.stahlgruber.de

Metallbau und Schlosserei Körtge
Kirchtruderinger Straße 28
81829 München
Telefon: +49 / 89/425404
Mail: info@koertge-metallbau.de
Internet: http://www.koertge-metallbau.de

Franken-Industrie /
WEGMANN automotive GmbH & Co. KG
Rudolf-Diesel-Straße 6
97209 Veitshöchheim
Telefon: +49 931 / 32104 - 0
Mail: info@wegmann-automotive.com
Internet: http://www.franken-industrie.de

Neimcke GmbH & Co.KG
Am Industriepark 21
D-84453 Mühldorf/Inn
Internet:  http://www.neimcke.de

Neimcke Niederlassung München
Ammerthalstraße 13-17
85551 Kirchheim b. München
Telefon: +49 / 89/  60 81 04 - 0
Mail:  verkauf.muenchen@neimcke.de

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