Donnerstag, 1. Juli 2010

84 Kehren: Stilfserjoch

Gibt es mehr Kehren an einem Pass? Ich weiß es nicht. In jedem Fall ist es eine Herausforderung und klingt nach richtige viel Kurvenspass. Susanne und ich hatten ja dieses Jahr schon einiges an Pässen und Bergstrecken hinter uns und deshalb war der Entschluss am nächsten Urlaubstag an das Stilfserjoch zu starten schnell gefasst.

Die Anreise von München aus über Kesselberg, Walchensee, Murnau, Garmisch und Fernpass kannten wir schon aus früheren Touren. Trotz nicht perfekten Wetter und sogar etwas Regen noch in Deutschland schnurrten unser beiden Vespamädchen. Sie freuten sich schon auf die Sonne in Ihrer Heimat und bereits in Tirol hatten wir Sonnenschein.

Von der vorherigen Tour konnte ich mich noch gut an diesen optimalen Rastplatz bei Imst erinnern. Schattig, gut anzufahren und menschenleer, was will man nach ca. 150 km und gut drei und einer halben Stunden Fahrt mehr?


 Rastplatz bei Imst direkt an der B169 in Richtung Reschenpass. Koordinaten N47 17.579 E10 49.664

Die Sonne lacht und wir auch!


Gestärkt, erfrischt und bester Laune ging es weiter durch das Inntal in Richtung Reschenpass.

 Gut 20km vor dem Ort Reschen machten wir noch Mal eine kurze Pause an einem schönen Parkplatz direkt an der Bergstraße mit phantastischen Ausblick auf den in 100m Tiefe tosenden Inn und in das talwärts liegende Inntal.

Dies sind die Koordinaten des 
Parkplatzes mit Aussicht: 
N46 56.197 
E10 29.639

Er liegt direkt bergwärts auf der rechten Seite, kurz nach einer scharfen Linkskurve und ist gut anfahrbar in einer Höhe von 1.088m über dem Meer. Man hat reichlich Platz zum Parken und kann ihn auch gefahrlos wieder verlassen.

Hier der Blick vom Parkplatz auf die Einmündung des Schalkbachs in den Inn.


Dann kurz vor 18 Uhr geht es zügig mit wenig Verkehr weiter zur Reschenpass Höhe in 1.504 m Höhe über dem Meer. Vorbei am immer noch fast leeren Reschensee.

Die Hochebene nach dem Reschenpass wurde schon in vorchristlicher Zeit von der Römerstraße Via Claudia Augusta durchzogen die nach Augsburg führte. Damals wie heute zählt der Reschenpass zu einer der bedeutendsten Nord-/Südverbindungen in den Alpen, wenn auch der Brennerpass mit seiner Autobahn in heutiger Zeit sicher mehr Verkehr vorweisen kann.

Von der Hochebene aus windet sich die Straße zügig bergab. Der Wind pfeift  uns dabei um die Ohren. Die schräg im Wind stehenden Bäume zeugen genauso von dem hier regelmäßig kräftigen Wind als auch die zahlreichen Windkrafträder, die hier Strom erzeugen.

Knapp eine Viertelstunde später durchfahren wir Italiens kleinste Stadt: Glurns. Ein nettes Südtiroler Städtchen am Eingang zum Stilfser Nationalpark. Mit Stadtmauer, Türmchen und alten historischen Häuser.


Schon kurz nach Glurns liegt der Ortler immer im Blick voraus. Der höchste Gipfel des Ortler Massivs der uns die nächste Zeit begleiten wird.



Bereits sofort nach Glurns zieht sich die Straße von 920 m Seehöhe hoch auf fast 1.575 m Höhe wo wir das Hotel Madatsch in Trafoi nach gut einer weiteren Viertelstunde erreichten. 

Ein nettes Hotel mit besten Blick auf den Ortler, angenehmen Zimmern und einem guten Abendessen. Etwas ungewöhnlich und vielleicht auch gewöhnungsbedürftig die Nasszellen, die sicherlich in der Art auch im Spaceshuttle verbaut werden. Das erste Hotels in diesem Jahr das wir besuchten und das seinen Gästen kein WLAN anbietet. Aber es geht auch ohne Anschluss an die Online-Welt.

"Bikers welcome!" und natürlich durften unsere Mädchen kostenfrei  in der Garage schlafen.



Hotel Madatsch in Trafoi, mit Blick auf das Ortler Massiv und dem 3.905m hohen Ortler.

Trafoi ist ein kleines Dörfchen in Stilfser Nationalpark: einige Bauernhöfe, eine Kirche, wenige Gasthöfe und Hotels. Alles scheint besonders für Wintersportler attraktiv zu sein, jetzt im Sommer Anfang Juli schaut alles sehr übersichtlich aus. Man hört einen Bach rauschen und genießt vom eigenen Balkon den Blick in die umliegende, grandiose Bergwelt der Ortler Alpen.

Ein mächtiges, sehr beeindruckendes Berggebiet mit 25 Gipfel mit über 3.500 m Höhe und mehr als hundert Dreitausender. Der Chef im Gebiet ist der Ortler selbst mit einer Höhe von 3.905 m über dem Meer.

 Morgengrauen am Freitag in Trafoi

Freitag Morgen! Bestes Wetter! Klare Sicht!

Wegen dem guten Frühstück waren wir ja nicht gekommen, sondern wegen den Kurven und den Kehren. Darum haben wir uns nicht sehr lange in der Früh im Hotel aufgehalten.

Zunächst ging es noch durch den Wald. Aber dann nach der Baumgrenze ...


... freie Sicht auf den Ortler, der über allem thront.


Einem fast viertausender so nahe mit der Straße kommt man wohl nirgends anders

Und dann! Da waren Sie!

Die teils zwar engen aber bei dem wenigen Verkehr gut zu fahrenden und zahlreichen Kehren.


Kehre Nummer ... 18, 19, 20, 21, 22 ..... Fahrspaß ohne Ende.


... Kehre Nummer ... 42, 43, 44, 45, 46, 47 und Kehre 48! 

Nach viel zu kurzer Zeit waren wir auch schon fast oben. Noch etwas unterhalb des Stilfserjochs bei der letzten Kehre in 2.716 m Höhe haben wir erst mal die grandiose Aussicht uns zu Gemüte geführt und eine kleine Rast gemacht bevor wir bis zur Passhöhe weitergefahren sind.

Ein guter Platz mit so gut wie keinem "Auftrieb". Ganz anders wie gleich oben am Joch, wo der Tourismus voll arbeitet. Auf diesen Parkplatz schauten nur kurz ein paar andere Biker vorbei, voll Bewunderung für unsere Vespen und eine englisches Ehepaar die zu Beginn Ihrer Rente mit Wohnmobil die Alpen erfahren wollten.


Es ist eigentlich unglaublich, wie die Straße hier das Joch erklimmt. Man kann die Bauleistung der Österreicher, die die Passstraße in der Zeit 1820 bis 1826, also bereits vor fast 200 Jahren errichteten, nur bewundern.

Das Joch hatte aber noch weiter zurück reichend immer eine strategische Bedeutung. 1632 zogen Mailändische Truppen über das Joch in Richtung Österreich um die Allianz zu Erzherzog Leopold zu verstärken. 1633 zog wieder ein Heer aus Mailand von 12.000 Soldaten und 1.600 Pferden in den Dreißig-jährigen Krieg nach Norden.


Und die weit unten liegende Straße macht ja eher den Eindruck von Modelleisenbahn. Allerdings sind die Kehren doch nicht so ganz ohne. Wir selbst beobachteten zwei Mal, dass Biker in einer Kehre mit Ihrem Moped zu Fall kamen.


Lauter gut gelaunte Gipfelstürmer. Mensch und Maschine alle wohl auf!


Dann eroberten wir auch das Joch selber. Mit Bratwurst, Souvenir- und Andenkenläden, Hotels, Gasthäuser und Alles was das Touristenherz braucht oder auch nicht.


Wie nicht anders zu erwarten, waren wir nicht ganz alleine hier oben. Und mit 2.763 m Höhe über dem Meer ist das Oben der höchste italienische Pass und der zweithöchste Alpenpass überhaupt.


Auch wir probierten die Bratwurst.

Vielleicht lag es auch an dem Lemon Soda und damit dem fehlenden Bier warum die Wurst nicht so recht mundete.

Eventuell auch an der Brotunterlage.

Oder an der Tageszeit, kurz nach dem Frühstück.

Ganz bewusst hatten wir uns mal für ein Vinschgerl entschieden.

Vielleicht doch nicht die optimale Kombination.

Anis - Roggenbrötchen - Zitronenlimo - Senf - Sauerkraut - Bratwurst mit reichlich Knoblauch ....

Einen Versuch war es wert.

Eine Wiederholung ist aber nicht nötig

Nach reichlich Fotos, viel Tourimus machten wir uns auf die Nordseite des Jochs in Angriff zu nehmen.


So genau war ich noch nicht im Bilde was kommen sollte. In jeden Fall ein Stück Schweiz. Da waren wir schon ewig nicht mehr. Und schon gar nicht mit der Vespa. Das Zollfreigebiet Livignio mit gerade zu unglaublichen Benzinpreisen ...

Na mal schauen was kommt!

Bergpanorama beim Abzweig zum Umbrailpass in 2.503m Höhe

Zuerst ging es bergab. Weitere gut 40 Kehren. Bis nach Bormio im Vetlin hinuter auf gut 1.260 m Seehöhe um dann über den Foscagnopass mit 2.291 m Seehöhe in das italienische Zollfreigebiet von Livignio zu fahren


In Richtung Bormio, grandiose Landschaft, tolle Straße

In einer der Kehren eine gute Möglichkeit zum Anhalten, Landschaft genießen, Fotografieren und dann direkt in der Wiese, nie im Original gesehen, trotzdem sofort erkannt.


Enzian ohne Ende, in einem so intensiven Blau, ich war völlig paff!


Und einfach nur geniale Landschaft mit tobendem Wasserfall, alles was man an so einem Ort an Natur- und Berglandschaft erwartet.



Eine wirklich großartige Landschaft begleitete uns ins Tal nach Bormio. Von dort aus ging es in die Region Livignio über den Foscagnopass mit 2.291 m Höhe kaum der Rede wert, wir waren ja gerade auf über 2.700 Meter.

 Hochebene von Livignio

Diese Gebiet, eine Hocheben in gut 1.800 m Höhe, ist heute eine reine Touristenattraktion mit zahlreichen Läden mit günstigen Preisen für Zigaretten, Tabak, Parfüm und vermutlich weitere vom "Duty-free" bekannten Artikeln.

Die Region war schon 1805 Napoleon so wichtig, dass er die Region zur Zollfreiregion erklärte.

Sowohl Italien im Jahr 1910 als auch die europäische Union im Jahr 1960 anerkannten den Status diese Gebietes und wird bis heute entsprechend weitergeführt.

Dadurch zahlt man noch heute  keine Mehrwertsteuer und zum Beispiel 1 l Super kostete während unserer Tour 0,974 € - das war gut 50 €-Cent günstiger als in Deutschland oder Italien.



Nach dem Hauptort ging es am lang gezogenen Stausee von Livignio, dem Lago di Livignio entlang. Der See war wenig gefüllt und wie alle Stauseen war deshalb nicht so anseheswert, wegen der tristen Kiesstreifen an der Uferböschung. Eine geograhische Besonderheit ist, dass man sich hier bereits nördlichen der Alpen Wasserscheide befindet und der Ausfluss des Stausees in den Inn fließt und damit das einzige Gewässer Italiens ist, das nach Norden läuft.


Am Ende des Tals in Richtung Norden verzweigt sich der See noch ein Stück nach Osten, wird aber an dieser Stelle mit einer sehenswerten Staumauer verschlossen. Die vom Stausee geflutete Bergschlucht macht eigentlich mehr einen norwegischen Fjord Eindruck.

 Hier der Blick zurück nach Süden in Richtung Livignio.

Die Staumauer Punt dal Gall, die 1968 gebaut wurde, führt auch zum 3,4 km langen Tunnel Munt La Schera welcher uns dann in die Schweiz ins Engadin führt.

Bereits hier fängt die Schweiz an und kassiert Maut € 8 je Motorrad für den langen aber schmalen Tunnel, der deshalb in Blockabfertigung betrieben wird. Auf der anderen Seite des Tunnels ist dann die Schweizer Zollstation.

Staumauer des Livigno Stausees


Wir mussten gut 10 Minuten warten, dann konnten wir die Fahrt durch den Tunnel an der Spitze einer kleinen Wagenkolonne antreten. Der Tunnel ist mittelmäßig beleuchtet, schmal, von der Fahrbahn her aber gut zu befahren. Die kühle Luft im Tunnel war eine willkommene Erfrischung.

Nach dem Tunnel ist dann die schweizerische Zollstation, die zwar besetzt war, aber keiner der Zollleute interessierte sich für uns und wir wurden einfach direkt durchgewunken. Die Schweiz ist schon seit geraumer Zeit Mitglied des Schengener Abkommens und daher finden beim Grenzübertritt keine Personenkontrollen mehr statt.



Es ging dann auf einer sehr guten Straßen immer entlang am jungen Inn durch kleine Schweizer Dörfchen mit Namen wie Runatsch, Zernez, Susch Richtung Osten. Der junge Fluss tobte mit viel Wasser in seinem Bett und bot an vielen Stellen spektakuläre Ausblicke. Der Inn ist hier überhaupt nicht reguliert sondern völlig naturbelassen. Ein echtes Erlebnis.

Nach einer kleinen Rast, Salat, Suppe, panierten Hühnchenflügeln, Wasser, Kaffee und Kuchen für gut € 50 ging es weiter immer am Inn entlang. Nach insgesamt gut 70 km Schweiz erreichten wir etwas oberhalb Nauders wieder Österreich.

Die Temperaturen waren schon seit Mittag um und jenseits der 30° Grenze, so dass wir froh waren zügig in Richtung Landeck und Imst voran zu kommen. In Landeck nach einem kurzen Stop ereilte uns dann das Benzinpumpen Desaster.


Meine Carla hatte nach dem ich den Motor abgestellt hatte einen Benzinpumpen Infarkt. Aus dem Forum war uns ja schon bekannt, dass es vorkommen kann, dass die Pumpe nach einem Stopp nicht mehr anläuft und daher dann kein Benzin mehr für den Motor zur Verfügung steht.


Glücklicherweise zickte Susannes Viktoria nicht herum und wir konnten mit Schauen, vergleichen auch tatsächlich erfühlen, dass meine Pumpe nicht mehr arbeitete.

Nach "Zufächeln" von kühler Luft und vor allem 30 Minuten warten bis der Motorraum wieder etwas abgekühlt war, tat Carla wieder willig Ihren Dienst. War auch gut so, denn Freitag Spät Nachmittag gegen 16 Uhr wäre wohl keine professionelle Hilfe vor Ort möglich gewesen.

Allerdings beschlossen wir, Carla nur noch bei längeren Pausen auszuschalten. Im Inntal bei flotter Fahrt erreichten wir dann Temperaturen bereits weit über 35° und unsere kühlen Wasservoräte in der Thermosflasche waren schnell aufgebraucht.


Daher war dann Ausgangs, am Ende von Schönwies direkt an der B171 die Rastmöglichkeit an einem Brunnen eine willkommene Möglichkeit unser Flaschen aufzufüllen. Der kleine Platz lässt sich gut aus von der Hauptstraße anfahren und bietet, wenn auch ohne Schatten gute Abstellmöglichkeiten zum kurzen Halten an.

Die Koordinaten sind: N47 12.118 E10 40.350


Der Name des Berges voraus ist die Silberspitze, wie sich einfach erklären lässt.



Von hier aus ging es dann noch mit einem Tankstop in  Telfs weiter. Die Tankstelle am Ortsende in Richtung Seefeld ist eine der günstigsten Tankstllen weit und breit und hat die Koordinaten N47 19.025 E11 05.618. Über Scharnitz und Wallgau ging es dann am frühen Abend weiter an der Isar Richtung Vorderriss entlang.

Wir liesen uns aber die Gelegenheit an der Isar nicht entgehen, ein erfrischendes Bad in dem kalten Fluß zu genießen und auch ein nettes Picknick einzulegen.



Gestärkt, erfrischt und entspannt konnten wir nach gut einer Stunde dann die restlichen gut 80 km nach Hause antreten. Sogar Carla sprang willig, nach dem Picknick sofort wieder an und nach knapp 90 Minuten waren wir wieder zu Hause.

Keine Kommentare: